Texte und Bilder

Aus gegebenem Anlass

Sonett für Angela: Nobelpreis-Dankesrede 2031

(von Clemens J. Setz)

Meine Damen und Herren, verehrte Geschöpfe,
ich danke Ihnen für diesen Preis.
Ich danke für klatschnasse Pinguinköpfe,
und für deren Schatten am Eis.

Ich danke für Hüte und Chormusik,
für Schornsteinfeger und Seife.
Ich freue mich auch über Quantenphysik,
auch wenn ich sie nicht begreife.

Ich danke für Malkunst in uralten Höhlen,
für Windräder, Mondkarten und Ukulelen,
für freundliche Menschen in Klagenfurt, die

auf Gummischwimmtieren entgleisten.
Ich danke der Schwedischen Akademie
und Angela Leinen am meisten.

(2015)

Zweitverwertung

Keine Festlegung von mir, im Urheberrecht kenne ich mich nicht aus, die wenigen Gerichtsurteile, die sich mit Romanen befassen, sind eher autorenfreundlich, soweit ich das sehe. Nur ein Diskussionsbeitrag, zum Vergleichen. “Plagiat” kann aber auch sein, was juristisch noch in Ordnung ist, sich aber trotzdem nicht gehört. Fremde Leistung als eigene ausgeben, das tut man doch nicht.

Da zur Zeit über die Wikipedianutzung von Tex Rubinowitz in “Irma” diskutiert wird und gleichzeitig Steffen Kopetzkys Roman auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis steht, hole ich meine Ergänzungen zu “Risiko” nach oben. Für wen es interessiert (aus einem längeren Beitrag hier). Bei Irma habe ich mir - zugegeben - weiter keine Gedanken darüber gemacht: Niemand kann denken, dass Tex das alles irgendwie so weiß, woher soll das schon kommen, irgendwo aus dem Netz halt (kein Urteil von mir). In welchem Roman gibt es denn Quellenangaben für das ganze unnütze Wissen? Und würde es genügen, “Ich danke Wikipedia” unter jeden aktuellen Roman zu schreiben? Sprich: Ich habe darüber beim Lesen nicht nachgedacht.

Aufmerksamer und kleinlicher las ich - zum Renzensieren - Steffen Kopetzkys “Risiko”. Die geschilderten Fakten, denen ich nachging, fand ich auch bei Wikipedia und beklagte, dass bei Kopetzky so wenig war, was darüber hinausging, anderswo Recherchiertes, vor allem aber: Erfundenes. Auffallend fand ich, wie ausführlich er sich bei Oskar Niedermayers Expeditionsbericht von 1925 bedient hat, und zwar ohne dass der Text - meiner Meinung nach - beim Umformulieren sehr gewonnen hätte. Als Montage wäre das unproblematisch gewesen.

Zur Diskussion gestellt:

Nachtrag zu meiner Kopetzky-Rezension in der Taz am 13.6.2015:

Dass sich Kopetzky bei Niedermayer so ausführlich bedient hat, finde ich an sich gar nicht schlimm, irgendwoher muss er’s ja haben, und andere Quellen habe ich gar nicht geprüft, die hat er womöglich noch gründlicher “ausgewertet”. Nur dass Niedermayer als Quelle nicht genannt ist und dass die Kopetzky-Adaption fast wörtlich aber nicht immer besser ist als das Original, das verdrießt mich doch. (…) Hier ein paar Beispiele (es gibt mehr davon), die natürlich nicht in die Rezension (5.300 Zeichen) gepasst haben.

(Quelle: Oskar Niedermayer, Unter der Glutsonne Irans, 1925)

Niedermayer: Längst hatten wir zwar unsere Südwesterhüte, ein schützendes Turbantuch oder auch einen ganzen Turban um den Kopf geschlungen,  das eine Ende nach Afghanenart als Nackenschutz herabhängen lassen, das andere vor Mund und Nase, um die heiße, salzig-staubige Luft nicht unmittelbar einatmen zu müssen und die wenige Feuchtigkeit der heißgelaufenen Maschine möglichst lange zu erhalten, aber bald half auch das nichts mehr.

Kopetzky: Einige trugen noch die breitkrempigen Südwesterhüte, doch die meisten waren angesichts von Hitze und Staub dazu übergegangen, Kopftücher nach Afghanenart zu tragen, mit denen man nicht nur sein Haupt vor der Sonne verbarg, sondern deren seitlich herabhängende Enden man sich um Mund und Nase wickeln konnte, um sich vor dem Staub zu schützen.

Niedermayer: Nachdem ich dem Kranken noch aus Zucker und Zwiebel ein Mittel gegen den Husten zusammengebraucht hatte, für das er in seiner treuherzig-derben Weise dankte, drückte ich ihm die Hand zum Abschied, für einige Tage, wie ich zuversichtlich hoffte, für immer, wie das grausame Schicksal es wollte.

Kopetzky: Niedermayer, dem Jakob seit zwei Jahren kaum je von der Seite gewichen war, kochte ihm aus Zwiebeln und Zucker einen Fiebersaft und schärfte ihm ein, so lange liegen zu bleiben, bis es ihm spürbar besser ginge.

Niedermayer: Auch die Bewohner von Tebbes hatten uns mit großem Mißtrauen empfangen. Waren sie doch erst vor kurzem von dem Räuberhauptmann Maschallah Chan, dem Beherrscher von Karschan am Westrand der großen Kewir, auf einem seiner größeren Raubzüge - … - überfallen und ausgeplündert worden. Dabei war ein Bruder Maschallah Chans getötet worden und so lebten die Tebbeser in ständiger Angst vor seiner Rache.

Kopetzky:

Ihre Bewohner verhielten sich zutiefst misstrauisch, waren sie doch erst kurz zuvor vom Herrscher des mächtigen Kaschan überfallen worden, das am Westrand des Kewir lag. Dieser Maschallah Khan war plündernd über die Oase hergefallen, dabei war der Bruder des adligen Räuberhauptmannes getötet worden, und nun zitterten die Menschen von Tebbes vor der unausweichlichen Blutrache.

Heuer jedoch nicht.

Noch eine Woche bis Klagenfurt, und ich bin wider Erwarten noch gar nicht nervös. Hatte Entzugserscheinungen erwartet, aber als die Kandidaten mitgeteilt wurden, war ich fast erleichtert, mit der Sache in diesem Jahr nichts zu tun zu haben. Große Unlust, überhaupt eine Meinung dazu zu haben.
An der Einführung gewisser Netz-Rituale im Zusammenhang mit den Tddl bin ich möglicherweile nicht ganz unbeteiligt. Vor allem in Bezug auf mein Bachmannbloggen in den ersten Jahren (ab 2005) muss ich aber sagen: Das war in der Rückschau - vermutlich - genauso öde und/oder unfair wie manches aktuelle Bachmannbloggen. Was ihr auch macht: Bedenkt, dass Autoren mitlesen, vermeidet unnötige Schmerzen und bleibt fair, auch wenn das vielleicht weniger Spaß macht. Man trifft sich doch sehr häufig zweimal im Leben.
Automatische Literaturkritik, der Bachmannchat und manches Getwitter haben der Sache aber schon etwas hinzugefügt, was ich immer noch für bereichernd halte. Wie ich jedes Gespräch über Literatur für bereichernd halte.
Warum ich in diesem Jahr (und wohl auch in den kommenden Jahren) nicht mehr dabei bin: Weil ich aufhören will, so lange es für mich noch schön ist. Das Crowdfunding im vorigen Jahr war fantastisch, ich habe das erst nicht so verstanden, aber die 5.800 Euro, die gespendet wurden, waren eine Wahnsinns-Anerkennung für unsere Arbeit. Es lässt sich aber so nicht wiederholen. Ich frage nicht gerne nach Geschenken, voriges Jahr habe ich mich vielfach überwunden und in jedem Fall schöne Antworten erhalten, von Dichtern, Zeichnern, Verlagen, Spendern. Noch einmal möchte ich das nicht strapazieren.
2014 war aber nicht nur das geilste ALK-Jahr, sondern auch bei weitem das anstrengendste. Irgendwann am Samstagnachmittag standen Kathrin und ich in der Schwimmtierabteilung und fragten uns, ob da nicht doch irgendwas schief läuft. Auch als wir nach dem Quiz noch bis weit nach Mitternacht die Wertung diskutierten, während die anderen schon im Theatercafé…
Hinfahren und einfach keine Automatische Literaturkritik mehr machen stelle ich mir aber auch schwierig vor.
Ein, zwei weitere Gründe gibt es auch noch, und Kathrin mag andere oder dieselben haben.
Ich wünsche euch jedenfalls knallheiße schöne schlaflose Tage und Nächte, besorgt einen Blumenstrauß für Vroni (wem darf ich meinen Anteil überweisen?) und bestellt ihr Grüße, sagt den Lendhauer Verein-Leuten, dass wir sie vermissen, teilt die Quiz-Melone mit den Verlierern und meldet euch, wenn ihr wissen wollt, wo die restlichen Schwimmtiere lagern!

Versöhnlich?

Ein paar wenig geordnete Bemerkungen zum Rezensiergeschäft

Anlass: Rezension zu Steffen Kopetzky, Risiko, in der taz

http://taz.de/Abenteuergeschichte-im-1-Weltkrieg/!5203745/

Dass Literaturkritik keine exakte Wissenschaft ist, ist eh klar. Ein bisschen mehr als Geschmacksurteile sind Rezensionen aber doch. Nämlich fundierte Geschmacksurteile. Ich bin sehr dafür, dass Rezensentinnen ihre Kriterien offenlegen und ihre Wertungen mit Zitaten belegen. Beides funktioniert in der Praxis schon aus Platzmangel nicht immer (ehrlich gesagt, so gut wie nie). 

Kriterien habe ich auch, viele davon habe ich in “Wie man den Bachmannpreis gewinnt” hineingeschrieben, andere in die “Automatische Literaturkritik”: Ich mache mir Gedanken darüber, was die Autorin erzählen will und welche erzählerischen Mittel sie dafür wählt. Wenn ich die Geschichte uninteressant finde, überlege ich, aus welchen Gründen andere Leser das anders sehen könnten. Muss ja deshalb noch kein überflüssiges Buch sein. Auch was die Sprache angeht. Ich bin Lakonikerin, wenn ich Texte überarbeite, muss ich aufpassen, dass nach dem dritten Durchgang nicht nur noch Dreiwortsätze übrig sind. (Ich kann auch “leichte Sprache”). Aber ich weiß, dass ein Text mit längeren Sätzen deshalb noch kein schlechter Text ist.

Es gibt unterschiedliche Lesertypen, auch unter Rezensenten. Zum Beispiel solche, die sich zu allem Beschriebenen sehr plastische Bilder machen. Solche Leser kommen oft mit Gewalt- und Ekelszenen nicht zurecht, weil sie ihnen zu nahe gehen. So eine Leserin bin ich nicht. Ich mache mir ganz grobe Bilder vom Setting, mir ist auch die Haarfarbe egal und was jemand anhat. Dafür weine ich oft bei Büchern (Filmen, TV-Serien, in Gesprächen…), insbesondere, wenn Spannungen zwischen den Figuren sich auflösen und etwas “gut” wird. Wenn ich weine, heißt das aber nicht, dass es  gelungen ist. Ich weine auch unter Niveau, da reichen Schlüsselreize.

Zitieren hilft nicht unbedingt. Der eine zitierte verunglückte Satz könnte ja auch ein Ausrutscher sein. Auch fünf zitierte verunglückte Sätze müssen kein ganzes Buch verderben. Literaturkritik ist immer auch Behauptung: Ihr müsst mir halt glauben, dass der Rest auch so ist.

Es ist sogar noch schlimmer: Der eine Rezensent macht an dem Schachtelsatz die Sprachmacht des Autors fest, die andere Rezensentin nimmt denselben als Beispiel für Sprachverschwurbelung. Die eine findet die verwendeten Sprachbilder besonders originell und gelungen, der andere findet sie zu schief und deshalb misslungen. Der eine findet die Figuren anrührend kauzig und authentisch, der andere “bemüht skurril” - Beispiel: Der Verriss von Tilman Strasser im Tagesspiegel zu Antonia Baums Buch “Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf…” versus die Huldigungen aller anderen (Dana Buchzik, Moritz Baßler und ich sowie Felix Müller).

Wer komprimiert erfahren will, warum der eine Rezensent etwas für gelungen hält, die andere Rezensentin aber für schlecht, suche in den Perlentaucher-Zusammenfassungen nach allen Beugungen des Wörtchens “verzeihen” (und sinngemäß). Unterschiedliche Wertungen kommen offenbar auch zustande, weil die Rezensentinnen in unterschiedlichem Maße zu verzeihen bereit sind.

Die Perlentaucher-Zusammenfassungen sind überspitzt, aber in der Regel treffend. In der Zusammenfassung zu meiner Kopetzky-Rezension etwa heißt es, “Die seichten Pappkameraden im Buch und dass der Autor auf 730 Seiten über das Menschenbild der beschriebenen Zeit nicht hinauskommt, macht Leinen allerdings ungehalten.“ Auch wenn keine “seichten Pappkameraden” in der Rezension vorkommen und ich den Eindruck des ungehalten-Seins vermeiden wollte, fühle ich mich ertappt. 

(Was ich am wenigstens verzeihen kann: Schlecht gezeichnet Figuren, dürftige Psychologie, Pappkameraden eben. Deshalb keine Nachsicht mit Kopetzky.)

Rezensionsvergleich nach Perlentaucher:

Verzeihend

Rainer Moritz, Neue Züricher Zeitung: “Die breite Streuung von Adjektiven im Text kann er dem Autor angesichts dieser Vorzüge verzeihen.“

Andreas Förster, Frankfurter Rundschau: “Zwar übertreibe Kopetzky mitunter mit seiner fast pedantischen Fülle an Einzelheiten, wie Förster findet, doch der Schriftsteller erzeuge zugleich eine soghafte Wirkung durch das “sprachlich geschliffene Kaleidoskop aus Orten, Farben und Gerüchen”.

Angela Leinen, die tageszeitung: “Dass der Autor eine der Hauptquellen seiner Abenteuergeschichte nicht nennt (Oskar Niedermayers Expeditionsbericht “Unter der Glutsonne Irans”), kann ihm die Rezensentin knapp verzeihen.“

Andreas Kilb, Frankfurter Allgemeine Zeitung: “Ein paar schwurbelige Ausnahmesätze kann Kilb verkraften.“

Unversöhnt dagegen 

Ronald Düker, Die Zeit: “Leider ist der siebenhundert Seiten schwere Roman “Risiko”, den Kopetzky daraus gebastelt hat, vor allem langweilig, bedauert der Rezensent.”

Die Gesamtnote hängt also davon ab, ob die Rezensentin dies oder jenes verzeihen kann oder nicht, die Feststellungen an sich ähneln sich durchaus. 

Was mich angeht, kann ich sehr viel verzeihen. Ich habe zum Beispiel auch Freude an Schachtelsätzen (ich löse ja auch gerne knifflige Rätsel) und an der Vermittlung unnützen Wissens. Ich google ständig unnützem Wissen hinterher, es sollte aber doch überraschend montiert sein oder über Wikipedia hinausgehen. 730 Seiten sind aber an sich eine Zumutung, der Rezensentenlohn liegt dann weit unter dem gesetzlichen Mindestlohn. Dafür kann Kopetzky nichts, aber andere Leute haben ja auch noch anderes zu tun. Für 730 Seiten braucht man eine sehr, sehr gute Entschuldigung. Der Autor ist in der Pflicht, dem Leser Marscherleichterung zu gewähren, um im Militärjargon zu bleiben. Das vermittelte Rand-Wissen sollte dann zielführend oder sogar beschleunigend sein: Um auf kurzem Weg ein Bild der Zeit zu schaffen oder die Geschichte fortzuführen.

Schachtelsätze schön und gut, aber solche Konstruktionen mit erratisch hüpfenden Bezügen halten auf dem weiten, weiten Weg nach Kabul doch etwas auf:

Es war herrlich, mit einer Daimon der Kaiserlichen Marine ungestört in einem Bett liegen und jenem glücklichen Umstand danken zu können, der ihn zwei Stunden nach Ankunft in der Villa mit dem Sekretär des Konsulats, Herrn Amadeus Toth, hatte bekannt werden lassen, der in einem Zimmer voller Bücher, Zeitschriften und Zeitungsausschnitte residierte und ihm kurzerhand ein Buch lieh.”

ist noch ganz übersichtlich gegen diesen:

“Nach dessen Bankrott verschlug es ihn auf der Spur des Copal nach Kolumbien, in eine kleine Stadt namens Barbosa, von der aus er Expeditionen in den Dschungel unternahm, um mit dem Blick für das untergründig Verborgene die manchmal seit fünfzig, manchmal seit fünftausend Jahren im Boden ruhenden kostbaren Harzklumpen zu finden und die Lagerstätten in mühseliger Arbeit auszubeuten, wobei er sich gegen Herzstillstand hervorrufende Giftfrösche, Würgeschlagen, hochgefährliche, wenngleich nur hüftgroße Kopfgeldjäger und den schwarzen Panther zu schützen hatte, der dort sein Revier besaß und - wie der Überseeludwig seinem Neffen eindrücklich geschildert hatte -  den Tag auf hohen Bäumen wie Kätzchen verschliefe, um in der Dämmerung zu seinem Raubtiertum zu erwachen und den schlafenden Jäger des Baumharzschatzes zu überfallen.

Aber wie gesagt: Ich behaupte schon wieder, nämlich 1., dass dieser Stil typisch für das Buch sei und 2., dass das schlecht sei.

Auch dieses Bespiel für - behauptet - unfreiwillig komische Art der Informationsvermittlung schafft es nicht in die Zeitung: Gedanken zu schildern, die gerade niemand denkt:

“Er dachte nicht darüber nach, wie viele Kilometer Telefondraht die kämpfenden Armeen des Bündnisblocks, dem er angehörte, heute an den diversen Fronten wohl verlegt haben mochten, und machte sich auch über die Ausmaße des gegnerischen Drahtlosverkehrs sowie der insgesamt ergriffenen Maßnahmen, diesen zu stören, keine Vorstellung.” (Wir dann auch nicht. Wie viele Kilometer waren das wohl?)

Dann wieder Geschmackssache: Ich mag es, wenn Autoren ihre Leser nicht unterschätzen und ein bisschen auf deren Vorstellungsgabe vertrauen. Man hat ja eigene Bilder im Kopf, die man bei Bedarf ergänzen kann. Die “breite Streuung von Adjektiven”, die Rainer Moritz noch verzeihen kann, oder die “fast pedantische Fülle an Einzelheiten”, die Förster, nun ja, verzeiht, siehe oben, nenne ich dann halt “Beschreibungsoverkill”.

Für mich hätte die Geschichte als Montage von Originalnotizen- und Dokumenten (meinetwegen auch fiktiven) und erzählten Teilen besser funktioniert, aber man kann ja immer nur das Buch bewerten, das geschrieben wurde. Andere Bücher müsste man sich schon selber schreiben, und wer kann und will das schon?


——–

Anhang zur Kopetzky-Rezension

Dass sich Kopetzky bei Niedermayer so ausführlich bedient hat, finde ich an sich gar nicht schlimm, irgendwoher muss er’s ja haben, und andere Quellen habe ich gar nicht geprüft, die hat er womöglich noch gründlicher “ausgewertet”. Nur dass Niedermayer als Quelle nicht genannt ist und dass die Kopetzky-Adaption nicht immer eleganter ist als das Original, das verdrießt mich doch. Aber auch das behaupte ich ja nur, wer selber schauen möchte: Hier ein paar Beispiele, die natürlich nicht in die Rezension (5.300 Zeichen) gepasst haben.

(Quelle: Oskar Niedermayer, Unter der Glutsonne Irans, 1925)

Niedermayer: Längst hatten wir zwar unsere Südwesterhüte, ein schützendes Turbantuch oder auch einen ganzen Turban um den Kopf geschlungen,  das eine Ende nach Afghanenart als Nackenschutz herabhängen lassen, das andere vor Mund und Nase, um die heiße, salzig-staubige Luft nicht unmittelbar einatmen zu müssen und die wenige Feuchtigkeit der heißgelaufenen Maschine möglichst lange zu erhalten, aber bald half auch das nichts mehr.

Kopetzky: Einige trugen noch die breitkrempigen Südwesterhüte, doch die meisten waren angesichts von Hitze und Staub dazu übergegangen, Kopftücher nach Afghanenart zu tragen, mit denen man nicht nur sein Haupt vor der Sonne verbarg, sondern deren seitlich herabhängende Enden man sich um Mund und Nase wickeln konnte, um sich vor dem Staub zu schützen. 

Niedermayer: Nachdem ich dem Kranken noch aus Zucker und Zwiebel ein Mittel gegen den Husten zusammengebraucht hatte, für das er in seiner treuherzig-derben Weise dankte, drückte ich ihm die Hand zum Abschied, für einige Tage, wie ich zuversichtlich hoffte, für immer, wie das grausame Schicksal es wollte.

Kopetzky: Niedermayer, dem Jakob seit zwei Jahren kaum je von der Seite gewichen war, kochte ihm aus Zwiebeln und Zucker einen Fiebersaft und schärfte ihm ein, so lange liegen zu bleiben, bis es ihm spürbar besser ginge.

Niedermayer: Auch die Bewohner von Tebbes hatten uns mit großem Mißtrauen empfangen. Waren sie doch erst vor kurzem von dem Räuberhauptmann Maschallah Chan, dem Beherrscher von Karschan am Westrand der großen Kewir, auf einem seiner größeren Raubzüge - … - überfallen und ausgeplündert worden. Dabei war ein Bruder Maschallah Chans getötet worden und so lebten die Tebbeser in ständiger Angst vor seiner Rache. 

Kopetzky

:

Ihre Bewohner verhielten sich zutiefst misstrauisch, waren sie doch erst kurz zuvor vom Herrscher des mächtigen Kaschan überfallen worden, das am Westrand des Kewir lag. Dieser Maschallah Khan war plündernd über die Oase hergefallen, dabei war der Bruder des adligen Räuberhauptmannes getötet worden, und nun zitterten die Menschen von Tebbes vor der unausweichlichen Blutrache.

Drei, vier mal im Jahr kaufe ich mir am Bahnhof ein unsinniges Magazin. Für Walden bin ich, bis auf ein kleines Manko, genau die Zielgruppe: Ich betreibe nämlich ein reiches Outdoor-Leben, und zwar ganz überwiegend vom Sofa aus (Globetrotter-Katalog,...

Drei, vier mal im Jahr kaufe ich mir am Bahnhof ein unsinniges Magazin. Für Walden bin ich, bis auf ein kleines Manko, genau die Zielgruppe: Ich betreibe nämlich ein reiches Outdoor-Leben, und zwar ganz überwiegend vom Sofa aus (Globetrotter-Katalog, FAZ “Technik und Motor”). Kenne mich allerdings auch ein bisschen aus (vier Jahre im Trekkingladen gejobbt, geprüfte Kanu-Guide und Strömungsretterin) und schaffe es hin und wieder, ein paar Tage mit Boot und Zelt oder ohne Boot oder ohne Zelt, na wie auch immer. Und ich stelle mich Herausforderungen lieber auf der Ausrüstungs- als auf der Trainingseben.

Ich soll das Heft aber trotzdem nicht kaufen, denn Walden ist “Für Männer! Für draußen!”

Frauen kommen trotzdem vor, als Deko (Bikinifrau im Kanu), als Opfer (Nora Gantenbrink, Würmer in den Füßen), aber doch auch als Heldin (Apnoe-Taucherin Ines Jurkschat).

Inhaltlich enthält es leider neben ganz okayer Unterhaltung auch viele Lücken, und man müsste sich Sorgen machen, weil fast sämtliche empfohlene Ausrüstung untauglicher Lifestyle-Kram ist und insbesondere die Tipps zum Flussschwimmen und zum Kanufahren, ach je!

Ja, man müsste sich Sorgen machen, wenn man nicht ahnte, dass “Walden” doch überwiegend Sofa-Abenteurer anspricht.

(Im Übrigen verstehe ich dieses “FÜR MÄNNER!”-Konzept nicht und hoffe, dass die Hipster-Zielgruppe das auch so sieht.)