Ein paar wenig geordnete Bemerkungen zum Rezensiergeschäft
Anlass: Rezension zu Steffen Kopetzky, Risiko, in der taz
http://taz.de/Abenteuergeschichte-im-1-Weltkrieg/!5203745/
Dass
Literaturkritik keine exakte Wissenschaft ist, ist eh klar. Ein
bisschen mehr als Geschmacksurteile sind Rezensionen aber doch. Nämlich
fundierte Geschmacksurteile. Ich bin sehr dafür, dass Rezensentinnen
ihre Kriterien offenlegen und ihre Wertungen mit Zitaten belegen. Beides
funktioniert in der Praxis schon aus Platzmangel nicht immer (ehrlich
gesagt, so gut wie nie).
Kriterien habe ich auch, viele davon
habe ich in “Wie man den Bachmannpreis gewinnt” hineingeschrieben,
andere in die “Automatische Literaturkritik”: Ich mache mir Gedanken
darüber, was die Autorin erzählen will und welche erzählerischen Mittel
sie dafür wählt. Wenn ich die Geschichte uninteressant finde, überlege
ich, aus welchen Gründen andere Leser das anders sehen könnten. Muss ja
deshalb noch kein überflüssiges Buch sein. Auch was die Sprache angeht.
Ich bin Lakonikerin, wenn ich Texte überarbeite, muss ich aufpassen,
dass nach dem dritten Durchgang nicht nur noch Dreiwortsätze übrig sind.
(Ich kann auch “leichte Sprache”). Aber ich weiß, dass ein Text mit längeren Sätzen deshalb noch kein schlechter Text ist.
Es
gibt unterschiedliche Lesertypen, auch unter Rezensenten. Zum Beispiel
solche, die sich zu allem Beschriebenen sehr plastische Bilder machen.
Solche Leser kommen oft mit Gewalt- und Ekelszenen nicht zurecht, weil
sie ihnen zu nahe gehen. So eine Leserin bin ich nicht. Ich mache mir
ganz grobe Bilder vom Setting, mir ist auch die Haarfarbe egal und was
jemand anhat. Dafür weine ich oft bei Büchern (Filmen, TV-Serien, in
Gesprächen…), insbesondere, wenn Spannungen zwischen den Figuren sich
auflösen und etwas “gut” wird. Wenn ich weine, heißt das aber nicht,
dass es gelungen ist. Ich weine auch unter Niveau, da reichen
Schlüsselreize.
Zitieren hilft nicht unbedingt. Der eine
zitierte verunglückte Satz könnte ja auch ein Ausrutscher sein. Auch
fünf zitierte verunglückte Sätze müssen kein ganzes Buch verderben.
Literaturkritik ist immer auch Behauptung: Ihr müsst mir halt glauben,
dass der Rest auch so ist.
Es ist sogar noch schlimmer: Der
eine Rezensent macht an dem Schachtelsatz die Sprachmacht des Autors
fest, die andere Rezensentin nimmt denselben als Beispiel für
Sprachverschwurbelung. Die eine findet die verwendeten Sprachbilder
besonders originell und gelungen, der andere findet sie zu schief und
deshalb misslungen. Der eine findet die Figuren anrührend kauzig und
authentisch, der andere “bemüht skurril” - Beispiel: Der Verriss von Tilman Strasser im Tagesspiegel zu Antonia Baums Buch “Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf…” versus die Huldigungen aller anderen (Dana Buchzik, Moritz Baßler und ich sowie Felix Müller).
Wer
komprimiert erfahren will, warum der eine Rezensent etwas für gelungen
hält, die andere Rezensentin aber für schlecht, suche in den
Perlentaucher-Zusammenfassungen nach allen Beugungen des Wörtchens
“verzeihen” (und sinngemäß). Unterschiedliche Wertungen kommen offenbar
auch zustande, weil die Rezensentinnen in unterschiedlichem Maße zu
verzeihen bereit sind.
Die Perlentaucher-Zusammenfassungen
sind überspitzt, aber in der Regel treffend. In der Zusammenfassung zu
meiner Kopetzky-Rezension etwa heißt es, “Die seichten Pappkameraden im Buch und dass der Autor auf 730 Seiten
über das Menschenbild der beschriebenen Zeit nicht hinauskommt, macht
Leinen allerdings ungehalten.“ Auch wenn keine “seichten
Pappkameraden” in der Rezension vorkommen und ich den Eindruck des
ungehalten-Seins vermeiden wollte, fühle ich mich ertappt.
(Was
ich am wenigstens verzeihen kann: Schlecht gezeichnet Figuren, dürftige
Psychologie, Pappkameraden eben. Deshalb keine Nachsicht mit Kopetzky.)
Verzeihend
Rainer Moritz, Neue Züricher Zeitung: “Die breite Streuung von Adjektiven im Text kann er dem Autor angesichts dieser Vorzüge verzeihen.“
Andreas Förster, Frankfurter Rundschau: “Zwar übertreibe Kopetzky mitunter mit seiner fast pedantischen Fülle an
Einzelheiten, wie Förster findet, doch der Schriftsteller erzeuge
zugleich eine soghafte Wirkung durch das “sprachlich geschliffene
Kaleidoskop aus Orten, Farben und Gerüchen”.
Angela Leinen, die tageszeitung: “Dass der Autor eine der Hauptquellen seiner Abenteuergeschichte nicht
nennt (Oskar Niedermayers Expeditionsbericht “Unter der Glutsonne
Irans”), kann ihm die Rezensentin knapp verzeihen.“
Andreas Kilb, Frankfurter Allgemeine Zeitung: “Ein paar schwurbelige Ausnahmesätze kann Kilb verkraften.“
Unversöhnt dagegen
Ronald Düker, Die Zeit: “Leider ist der siebenhundert Seiten schwere Roman “Risiko”, den Kopetzky
daraus gebastelt hat, vor allem langweilig, bedauert der Rezensent.”
Die
Gesamtnote hängt also davon ab, ob die Rezensentin dies oder jenes
verzeihen kann oder nicht, die Feststellungen an sich ähneln sich
durchaus.
Was mich angeht, kann ich sehr viel verzeihen. Ich habe
zum Beispiel auch Freude an Schachtelsätzen (ich löse ja auch gerne
knifflige Rätsel) und an der Vermittlung unnützen Wissens. Ich google
ständig unnützem Wissen hinterher, es sollte aber doch überraschend
montiert sein oder über Wikipedia hinausgehen. 730 Seiten sind aber an
sich eine Zumutung, der Rezensentenlohn liegt dann weit unter dem
gesetzlichen Mindestlohn. Dafür kann Kopetzky nichts, aber andere Leute
haben ja auch noch anderes zu tun. Für 730 Seiten braucht man eine sehr,
sehr gute Entschuldigung. Der Autor ist in der Pflicht, dem Leser
Marscherleichterung zu gewähren, um im Militärjargon zu bleiben. Das
vermittelte Rand-Wissen sollte dann zielführend oder sogar
beschleunigend sein: Um auf kurzem Weg ein Bild der Zeit zu schaffen
oder die Geschichte fortzuführen.
Schachtelsätze schön und
gut, aber solche Konstruktionen mit erratisch hüpfenden Bezügen halten
auf dem weiten, weiten Weg nach Kabul doch etwas auf:
“Es
war herrlich, mit einer Daimon der Kaiserlichen Marine ungestört in
einem Bett liegen und jenem glücklichen Umstand danken zu können, der
ihn zwei Stunden nach Ankunft in der Villa mit dem Sekretär des
Konsulats, Herrn Amadeus Toth, hatte bekannt werden lassen, der in einem
Zimmer voller Bücher, Zeitschriften und Zeitungsausschnitte residierte
und ihm kurzerhand ein Buch lieh.”
ist noch ganz übersichtlich gegen diesen:
“Nach
dessen Bankrott verschlug es ihn auf der Spur des Copal nach Kolumbien,
in eine kleine Stadt namens Barbosa, von der aus er Expeditionen in den
Dschungel unternahm, um mit dem Blick für das untergründig Verborgene
die manchmal seit fünfzig, manchmal seit fünftausend Jahren im Boden
ruhenden kostbaren Harzklumpen zu finden und die Lagerstätten in
mühseliger Arbeit auszubeuten, wobei er sich gegen Herzstillstand
hervorrufende Giftfrösche, Würgeschlagen, hochgefährliche, wenngleich
nur hüftgroße Kopfgeldjäger und den schwarzen Panther zu schützen
hatte, der dort sein Revier besaß und - wie der Überseeludwig seinem
Neffen eindrücklich geschildert hatte - den Tag auf hohen Bäumen wie
Kätzchen verschliefe, um in der Dämmerung zu seinem Raubtiertum zu
erwachen und den schlafenden Jäger des Baumharzschatzes zu überfallen.“
Aber wie gesagt: Ich behaupte schon wieder, nämlich 1., dass dieser Stil typisch für das Buch sei und 2., dass das schlecht sei.
Auch
dieses Bespiel für - behauptet - unfreiwillig komische Art der
Informationsvermittlung schafft es nicht in die Zeitung: Gedanken zu
schildern, die gerade niemand denkt:
“Er dachte nicht
darüber nach, wie viele Kilometer Telefondraht die kämpfenden Armeen des
Bündnisblocks, dem er angehörte, heute an den diversen Fronten wohl
verlegt haben mochten, und machte sich auch über die Ausmaße des
gegnerischen Drahtlosverkehrs sowie der insgesamt ergriffenen Maßnahmen,
diesen zu stören, keine Vorstellung.” (Wir dann auch nicht. Wie viele Kilometer waren das wohl?)
Dann wieder Geschmackssache: Ich mag es, wenn Autoren ihre Leser nicht
unterschätzen und ein bisschen auf deren Vorstellungsgabe vertrauen. Man
hat ja eigene Bilder im Kopf, die man bei Bedarf ergänzen kann. Die
“breite Streuung von Adjektiven”, die Rainer Moritz noch verzeihen kann,
oder die “fast pedantische Fülle an Einzelheiten”, die Förster, nun ja,
verzeiht, siehe oben, nenne ich dann halt “Beschreibungsoverkill”.
Für mich hätte die Geschichte als Montage von Originalnotizen- und
Dokumenten (meinetwegen auch fiktiven) und erzählten Teilen besser
funktioniert, aber man kann ja immer nur das Buch bewerten, das
geschrieben wurde. Andere Bücher müsste man sich schon selber schreiben,
und wer kann und will das schon?
——–
Anhang zur Kopetzky-Rezension
Dass
sich Kopetzky bei Niedermayer so ausführlich bedient hat, finde ich an
sich gar nicht schlimm, irgendwoher muss er’s ja haben, und andere
Quellen habe ich gar nicht geprüft, die hat er womöglich noch
gründlicher “ausgewertet”. Nur dass Niedermayer als Quelle nicht genannt
ist und dass die Kopetzky-Adaption nicht immer eleganter ist als das
Original, das verdrießt mich doch. Aber auch das behaupte ich ja nur,
wer selber schauen möchte: Hier ein paar Beispiele, die natürlich nicht
in die Rezension (5.300 Zeichen) gepasst haben.
(Quelle: Oskar Niedermayer, Unter der Glutsonne Irans, 1925)
Niedermayer: Längst
hatten wir zwar unsere Südwesterhüte, ein schützendes Turbantuch oder
auch einen ganzen Turban um den Kopf geschlungen, das eine Ende nach
Afghanenart als Nackenschutz herabhängen lassen, das andere vor Mund und
Nase, um die heiße, salzig-staubige Luft nicht unmittelbar einatmen zu
müssen und die wenige Feuchtigkeit der heißgelaufenen Maschine möglichst
lange zu erhalten, aber bald half auch das nichts mehr.
Kopetzky: Einige
trugen noch die breitkrempigen Südwesterhüte, doch die meisten waren
angesichts von Hitze und Staub dazu übergegangen, Kopftücher nach
Afghanenart zu tragen, mit denen man nicht nur sein Haupt vor der Sonne
verbarg, sondern deren seitlich herabhängende Enden man sich um Mund und
Nase wickeln konnte, um sich vor dem Staub zu schützen.
—
Niedermayer: Nachdem
ich dem Kranken noch aus Zucker und Zwiebel ein Mittel gegen den Husten
zusammengebraucht hatte, für das er in seiner treuherzig-derben Weise
dankte, drückte ich ihm die Hand zum Abschied, für einige Tage, wie ich
zuversichtlich hoffte, für immer, wie das grausame Schicksal es wollte.
Kopetzky: Niedermayer,
dem Jakob seit zwei Jahren kaum je von der Seite gewichen war, kochte
ihm aus Zwiebeln und Zucker einen Fiebersaft und schärfte ihm ein, so
lange liegen zu bleiben, bis es ihm spürbar besser ginge.
—
Niedermayer: Auch
die Bewohner von Tebbes hatten uns mit großem Mißtrauen empfangen.
Waren sie doch erst vor kurzem von dem Räuberhauptmann Maschallah Chan,
dem Beherrscher von Karschan am Westrand der großen Kewir, auf einem
seiner größeren Raubzüge - … - überfallen und ausgeplündert worden.
Dabei war ein Bruder Maschallah Chans getötet worden und so lebten die
Tebbeser in ständiger Angst vor seiner Rache.
Kopetzky
:
Ihre
Bewohner verhielten sich zutiefst misstrauisch, waren sie doch erst
kurz zuvor vom Herrscher des mächtigen Kaschan überfallen worden, das am
Westrand des Kewir lag. Dieser Maschallah Khan war plündernd über die
Oase hergefallen, dabei war der Bruder des adligen Räuberhauptmannes
getötet worden, und nun zitterten die Menschen von Tebbes vor der
unausweichlichen Blutrache.